SO Journal Frühjahr - page 52

4.2012/13 JOURNAL
5
OPER
Premiere
glücksraben«. Oft sehr brutal und sexuell aufgeladen,
doch mit einnehmender Empathie bringen diese Ge-
schichten nur allzu Menschliches auf den (oft karikatu-
ristisch spitzen) Punkt. Und tatsächlich findet sich auch
etwas vom satirischen Stil solcher Bildergeschichten
noch in Janáˇceks Oper wieder.
Illustrative, klangmalerische Elemente sind stets Teil
von Janáˇceks Tonsprache. Wie man in »Jenufa« das
Mühlrad hören kann und in »Katja Kabanova« die
Wolga spürt, so fühlt man sich im »Füchslein« schnell
in den sommerlichenWald versetzt, wo die Luft kurz vor
einem Gewitter drückend schwül ist, die Insekten sum-
men, das Licht flirrt und blendet, die Vögel singen und
unerkannte Tiere sich im Unterholz bemerkbar ma-
chen. Janáˇceks Musik vollbringt das Wunder, gleichzei-
tig eingängig und modern zu sein, volkstümlich-regio-
nal betont und doch weltoffen und pointierend
abstrahiert. Wie an Debussy geschult, vermag seine
»Füchslein«-Musik impressionistische Stimmungsbil-
der auszumalen, die uns beispielsweise eine zuvor ge-
zeigte dramatische Handlung in ihrer emotionalenAus-
wirkung nachspüren lassen und dabei auch noch den
Schauplatz, denWald oder die Dorfkneipe, musikalisch
treffend kennzeichnen. So sind nicht umsonst gerade
die instrumentalen Zwischenspiele des »Schlauen
Füchsleins« von besonderer musikalischer Schönheit
und stehen den eindrücklichsten Gesangsszenen in
nichts nach, wie etwa dem Liebesduett der jung verhei-
rateten Füchse, dem mitreißenden Auftritt der Fuchs-
kinder, demGetratsche der Tiere imWald oder demauf-
geregten Gegacker der von der Füchsin bedrohten
Hennen.
Satirische Zuspitzung neben impressionistischer
Einfühlsamkeit, die Karikatur wie das in den 1920er-
Jahren neue Medium des Films spielen auch für die In-
szenierung von
Johannes Erath
eine Rolle, der nach der
erfolgreichen »La Traviata« der vergangenen Spielzeit
nun zum zweiten Mal in Hamburg Regie führt. Seine
psychologisch begründete Personenführung nimmt An-
leihen bei der Montagetechnik des Films, wenn er z. B.
surrealistische Traumbilder mit konkreten Alltagssitua-
tionen zusammenführt oder Figurenauftritte als ›szeni-
sche Leitmotive‹ behandelt, um untergründige Wün-
sche, Erinnerungen oder Ängste der Protagonisten offen
zu legen. Und da Eraths Deutungen auch im Detail im-
mer musikalisch begründet sind, gelingen ihm Szenen
von hoher Musikalität und gleichzeitig bestechender
optischer Eindrücklichkeit. Die Kostüme von
Katharina
Tasch
bringen dafür die Accessoires vonMenschen- und
Tierwelt anspielungsreich und typengerecht durchein-
ander, und das Bühnenbild von
Katrin Connan
lässt den
Wald imWirtshaus wachsen, die Kirche in den Bäumen
läuten und den Hühnerstall im 20er-Jahre-Varietéthea-
ter gackern.
| Francis Hüsers
3 4
1...,42,43,44,45,46,47,48,49,50,51 53,54,55,56,57,58,59,60,61,62,...89
Powered by FlippingBook