SO Journal Frühjahr - page 55

Realität evozieren kann als sie der gesun-
gene Text vordergründig macht. Man muss
als Beispiel ja nur an die Leitmotive bei
Wagner denken. Ich übertrage also eigent-
lich nur eine für Opernmusik typische
Technik auf die szenische Umsetzung.
Wieso gibt es offenbar eine so große Nähe
zwischen Traum und Oper? Welche Rolle
spielt die Musik für Träume – oder umge-
kehrt?
Eine Oper hebt eine Alltagsrealität mit
Hilfe der Musik und deren Zeitmaß auf eine
andere, sozusagen überreale Ebene. Men-
schen beginnen ja tatsächlich zu singen,
wenn gesprocheneWorte allein nicht auszu-
reichen scheinen. In der Oper werden die
gewöhnlichen Erlebensweisen von Raum
und Zeit aufgelöst. In der Oper kann – we-
nigstens gefühlt – die Zeit ja tatsächlich ste-
hen bleiben. Und manchmal haben wir
dann nachher gerade dadurch das Gefühl,
kurz einmal die Ewigkeit berührt zu haben.
Arien haben oft den Charakter von Re-
flexionen: Eine Situation wird kognitiv und
emotional verarbeitet. Träume tun vielleicht
genau dasselbe. Und wenn wir uns bewuss-
ter damit beschäftigen, was in unserem Un-
ter- undUnbewussten vor sich geht, können
wir sicher mehr über uns erfahren. Musik
nehmen wir letztlich nicht über den Intel-
lekt wahr, sondern sie geht direkt in den
Bauch.
Welche Figuren im »Füchslein« sind sym-
pathisch/unsympathisch, ernst/komisch, rea-
listisch/satirisch?
KeinMensch und auch keine Opernfigur
ist »nur gut« oder »nur schlecht«. Manch
einer in diesemStück wirkt zumBeispiel ge-
rade dadurch komisch, weil er so ernsthaft
ist, wie zum Beispiel der Schulmeister. Und
der Wilderer Háraschta könnte auf den ers-
ten Blick durch und durch unsympathisch
wirken. Aber kann man ihn nicht auch als
dunkle, destruktive Seite des Försters verste-
hen? Außerdemhaben natürlich viele Situa-
tionen in der Tierwelt satirischen Charakter
und erzählen also deshalb etwas über die Si-
tuationen und die Psychologie der Men-
schen.
Soll das Publikum durch die Inszenierung
unterhalten oder angerührt oder aufgerüttelt
werden?
Die Mücke; Figurine von
Katharina Tasch
Der Hahn; Figurine von
Katharina Tasch
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JOURNAL 4.2013/14
lich, bei denen wir uns im Erwachen nur
noch an einzelne Bilder oder Stimmungen
erinnern können, die scheinbar nichts mit-
einander zu tun haben, in der Tiefe aber
dennoch miteinander verbunden sein kön-
nen. Wie oft träumen wir zum Beispiel von
einer bestimmten Person und wissen dabei
schon beim Träumen, dass damit eine an-
dere Person gemeint ist? Solche Traumphä-
nomene lassen sich tatsächlich für die
Opernbühne nutzen. Bei mir sind z. B. im-
mer wieder Figuren auf der Bühne zu sehen,
obwohl sie eigentlich in dieser Szene gar
nicht vorkommen. Das bedeutet, sie sind da
und gleichzeitig sind sie auch nicht da! Aber
sie sind vom Publikum zu sehen, weil auf
der Szene gerade an sie gedacht wird oder sie
in irgendeiner Weise gemeint sind. Sie er-
gänzen also die Szene um eine zweite Reali-
tät, was so auch als Kommentierung wirken
kann. Das hat bei mir aber nichts mit einer
Konzeption im Sinne von Brechts epischem
Theater zu tun, als was es wohl manchmal
missverstanden worden ist, sondern schlicht
mit den Funktionsprinzipien einer Oper,
bei der eben auch die Musik eine andere
Mein Anliegen ist es, dass Menschen
durch einen Opernabend berührt werden.
Wenn wir die Phantasie des Zuschauers we-
cken können, wenn es gelingt, dass eine Si-
tuation auf der Bühne eigene Assoziationen
auslöst, oder sich jemand in einer der
Opernfiguren auch nur kurz einmal selbst
erkennt und dadurch vielleicht etwas von
sich selbst zu verstehen beginnt, dann bin
ich glücklich. Und selbst wenn bei jeman-
dem eine Abwehrhaltung entsteht, zeigt das
ja, dass er berührt worden ist. Wenn aller-
dings jemand beim Verlassen der Oper den
ganzenAbend schon vergessen hat, habe ich
wohl versagt.
Ist Janáˇceks »Füchslein« ein typisches »Al-
terswerk«, immerhin war er fast 70, als er es
komponierte?
Es gibt jedenfalls Alterswerke, die mir
Probleme bereiten, was hier aber gerade
nicht der Fall ist. Im Gegenteil, diese Oper
nimmt mir sogar ein wenig die Angst vor
dem eigenen Älterwerden …
Fragen von Francis Hüsers
OPER
Premiere
»Das schlaue Füchslein« (Pˇríhody lišky Bystroušky)
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