SO Journal Frühjahr - page 53

Was ist eigentlich im Kern die »Geschich-
te« von Leoš Janáˇceks »Füchslein« (Pˇríhody
lišky Bystroušky)?
Johannes Erath:
Es geht um einen Mann,
der nach Irren und Wirren sein Leben be-
trachtet und überdenkt, verbundenmit der
Angst, etwas verpasst oder falsch gehandelt
zu haben. Das tut er mit reifer Melancholie,
aber auchmit Humor und Selbstironie und
vor allembuchstäblichmitten in der Natur.
Letztlich erzählt Janáˇceks Oper also wohl
irgendwie vom Trost, den das Wissen um
die Aufgehobenheit im Zyklus der Natur
vielleicht für uns bereit halten kann.
Wer oder was ist die Füchsin?
Für den Mann stellt sie das Bild einer
›ungezähmten‹ und ›unzähmbaren‹, also
klugen, begehrenswerten Frau dar, die im-
mer entwischt, wenn man ihrer habhaft
werden will. Die vom Mann getötet wird,
weil sie eine Gefahr für ihn werden könnte,
da er ja im Grunde vor ihr Angst hat. Die
Füchsin ist Projektionsfläche für nicht ge-
lebte, unterdrückte Phantasien. Sie ist Er-
satz für verloren gegangene Liebe. Sie ist
vielleicht auch Ausdruck des ›Animali-
schen‹ einer Frau, das die Ehefrau nicht
ausleben darf, obwohl ihr Mann sich genau
Der Regisseur Johannes Erath im Gespräch
über impressionistisches Flirren, Oper und Traum
und die eigene Angst vor dem Älterwerden
Der Specht; Figurine von
Katharina Tasch
danach sehnt. So gesehen ist dann die Füch-
sin auch Spiegelbild des ›Animalischen‹ des
Mannes selbst.
Das erste Rendezvous der Füchsin mit
dem Fuchs hat neben den parodistischen
Effekten für mich in gewissem Sinn auch
einen utopischen Gehalt, nämlich als Bild
von Mann und Frau als gleichberechtigte
Partner, was damals, zumal auf dem Land,
vielleicht nur im Mantel einer Tierfabel
denkbar war.
Und schließlich hat die Figur der Füch-
sin sicher auch etwas mit Janáˇceks langjäh-
riger Beziehung zu der viel jüngeren Kamila
Stösslová zu tun, die als verheiratete, von
ihm völlig unabhängige Frau eine ideale
Projektionsfläche bot.
Was zeichnet die Musik von Janáˇceks
Fuchs-Oper besonders aus?
Janáˇcek gelingt es hier auf ganz außerge-
wöhnlicheWeise, denWald zumKlingen zu
bringen. Das ist ein impressionistisches Flir-
ren.Man kann die Ameisen hören, das Kna-
cken der Äste, die Geschwätzigkeit der Vö-
gel. Das alles ist komprimiert in kleinsten
Pattern ausgeführt, keine einzige Note
scheint überflüssig. Und dennoch lässt diese
Musik gleichzeitig auch Tiefe undWeite ver-
strömen, und Melancholie und profunde
Ernsthaftigkeit genauso wie Witz und Iro-
nie. Und es ist eine Demut in dieser Oper –
es geht nämlich nicht darum, die Natur in
einen kleinen Bilderrahmen pressen, sie in
ein Herbarium einsperren zu wollen, son-
dern imGegenteil, sich vor ihr zu verneigen.
Inwiefern spielen reinmusikalische Aspek-
te für die Regie eine Rolle?
Die Musik hat für mich im Grunde grö-
ßere Bedeutung als der Text, denn sie ist ja
die erste Interpretation des Textes. Und
beimHören der Musik entstehen Bilder,As-
soziationen, Freiräume für Gedanken und
Empfindungen. Man kann also in der Oper
quasi »mit den Ohren sehen und mit den
Augen hören«. Und als Regisseur muss ich
manchmal zu einer bestimmten Musik ein
vermeintlich konträres ild entstehen lassen,
damit wir dann die Musik bewusster hören
können.Wie oft sagen wir in unseremAlltag
nicht etwas anderes, als was wir wirklich
meinen? Das ist natürlich auch bei den Fi-
guren in einer Oper häufig der Fall, und
dabei verrät die Musik dann meistens, was
die Figuren wirklich meinen, oder sie eröff-
net zumindest neue Interpretationsmög-
lichkeiten, die quer zum gesungenen Text
stehen können.
Wie ist das konkret beim »Füchslein«? Wo
gibt die Musik zum Beispiel eine bestimmte
Szene oder Situation auf der Bühne vor?
Ja, das ist praktisch die ganze Zeit der
Fall. Das erste Zwischenspiel zum Beispiel
›schreit‹ für mich danach, einen bisher be-
engten Raum nun zu öffnen, um uns in die
Tiefe der Bühne blicken zu lassen, als ob sich
hier ein angestauter Druck lösen würde.
OPER
Premiere
»Das schlaue Füchslein« (Pˇríhody lišky Bystroušky)
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