SO Journal Frühjahr - page 18

4.2013/14 JOURNAL
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BALLETT
Repertoire
Aufführungen
1., 6. und 8. April,
11. und 16. Mai,
jeweils 19.30 Uhr
apanische Gedichtform
trifft auf westlichen
Tanz und führt zu ungewöhnlichen Kon-
stellationen in der künstlerischen Zusam-
menarbeit. 2012 haben zwei Choreografen
ein Ballett hervorgebracht, das eine ganz
bestimmte Form fernöstlicher Dichtung zum Titel
nimmt. Das japanische Renku, so die Bezeichnung, ar-
beitet mit verketteten Versen und lebt von der Fantasie
und Eigenständigkeit unterschiedlicher Autoren. »Einer
der Dichter notiert einen Vers und wenig später findet
er zu seinem Erstaunen und vielleicht zu seiner Erhei-
terung, dass sein Mitspieler ihn in einer Weise fortge-
setzt hat, an die er nicht gedacht hatte«, erläutert John
Neumeier das spielerische Prinzip eines wortgebunde-
nen Prozesses, der von Orkan Dann und Yuka Oishi,
zwei aktiven Tänzern des Hamburg Ballett, zumAuftakt
der 38. Hamburger Ballett-Tage in körperliche Bewe-
gung umgesetzt wurde. Beide Ensemblemitglieder, die
zuvor schon mehrfach eigene Choreografien entwickelt
haben, schufen ein Ballett, das mit Bewegungsverflech-
tungen experimentiert. Dabei geht es weniger um eine
Annäherung ihrer choreografischen Handschriften, als
vielmehr um den Moment ihres plötzlichen, unerwar-
teten Aufeinandertreffens und Ablösens. »Grundsätz-
lich ähnelt sich unsere Auffassung von Tanz. Allerdings
setzen wir unterschiedliche Schwerpunkte, wodurch wir
uns ergänzen und miteinander neue Perspektiven er-
schließen«, betont Orkan Dann. Und Yuka Oishi fügt
hinzu, dass sie einen gemeinsamen Weg der Bühnenge-
staltung gefunden haben. Ausgangspunkt dieses ge-
meinsamen »Auftragswerkes« bleibt der Aufbau eines
Renku: »Ein Choreograf beginnt und der nächste über-
nimmt – der Eine greift also in die Konzeption des An-
deren ein.Metaphorisch gesprochen reichen wir uns die
Hände und spielen uns gegenseitig zu«, verdeutlicht
Orkan Dann. Wenn Yuka Oishi, in Japan geboren, die
Essenz eines Renku beschreibt, denkt sie an ein Bild in
einem gebundenen Buch: »Ich wähle eine Farbe der
Stifte aus, für ›Renku‹ meine ich damit die Tänzer, und
nehme zunächst die Platzaufteilung und Linienführung
vor. Dann reiche ich das Ballett an Orkan weiter. Nach-
dem er sich mit seinen Arbeiten befasst und neue Ele-
mente hinzugefügt hat, gibt er es wieder ab« – ein stetes
Umschlagen, das für Überraschungen sorgt. ImSpiel der
Grundfarben Schwarz, Rot und Weiß hat Michael
Court, der 2010 mit dem European Fashion Award
FASH ausgezeichnet wurde, sich einfügende, auf direkte
Emotion setzende Kostüme geschaffen. John Neumeier
übernahm, nach der musikalischen Auswahl der Cho-
reografen, eine Block-Aufteilung, nach der sie sich im
Arbeitsprozess richteten. »Das Entscheidende liegt
darin, dass derWechsel der Choreografie nicht mit dem
Ende der einzelnenMusikstücke übereinstimmenmuss,
sondern beweglich in eine musikalische Wendung hi-
neingetragen werden kann«, gibt Orkan Dann zu be-
denken. Beide Choreografen verfolgen eine Dramatur-
gie, die eine stückhafte Aneinanderreihung von
Einzeldarbietungen von vornherein ausschließt. »Wir
möchten vermeiden, dass die Handlung unterbrochen
wird. Es gibt keine vorgegebene Geschichte, die sich
über das gesamte Werk spannt, mit einer anderen Er-
zählstruktur verbunden wird und immer wieder zu ihrer
eigenen zurückkehrt«, ergänzt Yuka Oishi dieVerschrän-
kung von Choreografie undMusik und führt weiter aus:
»Wir wollten eine Form finden, in der sich der Schluss
eines musikalischen Blocks mit demBeginn eines neuen
wie in einem Puzzle verbindet. Es ist dabei nicht not-
wendig, den Stil des jeweiligen Choreografen zu erken-
nen. Ich verstehe das im Sinne eines Dreh- und Angel-
punkts, von dem aus das Vorangegangene auf das
Nachfolgende übertragen wird und so etwas wie Konti-
nuität im Wechsel entsteht.« Dass von Franz Schubert
Verbindungslinien zu den anderen Komponisten des
Balletts ausgehen, ist durchaus gewollt. Für OrkanDann
besitzt Schuberts Musik eine verborgene Ähnlichkeit
mit den Werken von Alfred Schnittke und Philip Glass.
»In Schuberts wohl bekanntestem Lied geht es um den
Tod und das Mädchen. Schnittke wiederum hat sein
Klavierquintett Mitte der siebziger Jahre des zwanzigs-
ten Jahrhunderts nach dem Verlust seiner Mutter ge-
schrieben«, erinnert der Choreograf. Auch Yuka Oishi
fühlt eine Übereinstimmung zwischen Schubert und
Schnittke und sieht in dieser Kombination eine Ergän-
zung: »Das klassische Gleichgewicht, das bei Schubert
zu kippen droht, stößt auf Schnittkes stilistische Viel-
falt.« Philip Glass’ Violinkonzert Nr. 2 im zweiten Teil
wird von dem bereits 2012 gefeierten amerikanischen
Geiger Robert McDuffie gespielt.
| André Podschun
J
Kontinuität im Wechsel
Mit
»Renku«
haben sich Yuka Oishi und Orkan Dann 2012 an die Choreo-
grafie eines abendfüllenden Balletts gewagt. Herausgekommen ist Tanz
als Gedicht – ein Stück über Zeit, Werden und Vergehen, zu sehen in fünf
Vorstellungen im April und Mai.
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