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JOURNAL 4.2013/14
RICHARD STRAUSS
Salome
Musikalische Leitung:
Sebastian Weigle
Inszenierung:
Willy Decker
Bühnenbild und Kostüme:
Wolfgang Gussmann
Licht:
Manfred Voss
Spielleitung:
Heiko Hentschel
Herodes
Peter Galliard
Herodias
Renate Spingler
Salome
Nadja Michael
Jochanaan
N. N.
Narraboth
Martin Homrich
Page
Maria Markina
Fünf Juden
Markus Petsch,
Manuel Günther, Chris Lysack,
Sergiu Saplacan, Szymon Kobylinski
Zwei Nazarener
Wilhelm Schwinghammer,
Vincenzo Neri
Zwei Soldaten
Alin Anca, Dieter Schweikart
Unterstützt durch die Stiftung zur
Förderung der Hamburgischen Staatsoper
und durch die Deutschen Philips
Unternehmen.
Aufführungen
11., 15., 22., 25. April 2014,
19.30 Uhr
»Turandot«
OPER
Repertoire
Salome«
»Salome« mit illus-
tren Gästen: Nadja
Michael in der Titel-
rolle und Sebastian
Weigle am Pult
Martin Homrich singt
zum ersten Mal den
Narraboth
Geschichte einer unmöglichen Liebe
Willy Deckers faszinierende Deutung von Strauss’ »Salome«
steht im April wieder auf dem Spielplan
n
DIE BEZIEHUNG
zwischen Salome und
Jochanaan ist das tragische Zentrum. Es ist
die Geschichte einer utopischen, einer un-
möglichen Liebe, bei der die Katastrophe
unausweichlich ist. Der Asket Jochanaan
kann aus seiner selbstgewählten Rolle he-
raus Salomes Werben nicht nachgeben. Er
hat seinen Eros gänzlich auf seine religiöse
Mission konzentriert und muss daher Salo-
mes Wunsch nach körperlicher Berührung
vollkommen missverstehen. Salome trifft
den Punkt, wenn sie fragt: »Hattest Du
Angst vor mir, Jochanaan?« Er hat tatsäch-
lich Angst vor ihrer Sinnlichkeit, die gleich-
wohl ebenso rein und keusch ist wie seine
Askese. Salomes erotische Ausstrahlung be-
ruht gerade auf ihrer unberührten Keusch-
heit und Schmucklosigkeit. Sie ist alles
andere als ein Vamp oder eine Striptease-
Tänzerin.
ImGegensatz zu Jochanaan aber kommt
Salome aus einer materialistischenWelt und
ist von dieser auch beschädigt, und daher ist
für sie der einzige Weg der Annäherung die
Berührung, der Besitz. Sie ist fasziniert von
denWorten aus demMund des Propheten –
deshalb, und nicht aus sexueller Begierde,
will sie ihn küssen. Er ist für sie eine Chance,
aus ihrer dekadenten Welt auszubrechen.
Wenn Jochanaan Gott liebt, dann tut sie es
letztlich auch; Jochanaan könnte für sie ein
Mittler sein, wenn er die tiefere Bedeutung
ihrer erotischen Hingabe erkennen würde.
Doch in seinen überzogenen Reaktionen
zeigen sich schon die Probleme des kom-
menden Christentums mit seiner Verteufe-
lung der Frauen und der Sinnlichkeit.
Da Salome keine andere Möglichkeit der
Annäherung kennt, pervertiert ihre Sehn-
sucht zur Zerstörungswut, mit der sie sich
auch selbst vernichtet. In demMoment, wo
Jochanaan sie verstößt, verliert sie jegliche
Lebensperspektive und stürzt ins Boden-
lose. Ob Herodes sagt »Man töte dieses
Weib!« oder nicht – sie ist am Ende.
| Willy Decker