SO Journal Frühjahr - page 32

4.2013/14 JOURNAL
29
Bodenständiger Bass mit Weitblick
Vom Wiener Sängerknaben zum bassprofunden Wahl-Hamburger:
Florian Spiess
zählt seit
dieser Spielzeit zum Ensemble der Staatsoper, wo er in »Carmen« oder »Almira« zu hören
ist. Marcus Stäbler traf den jungen Tiroler im Caféhaus.
Marcus Stäbler
arbeitet u. a. für den
NDR, das Hamburger Abendblatt,
die Neue Zürcher Zeitung und das
Fachmagazin Fono Forum.
Jörn Kipping foto-
grafierte
Florian
Spiess
auf seiner
Harley. Der sportli-
che Bass ist seit
dieser Saison Mit-
glied des Opern-
ensembles.
OPER
Hinter den Kulissen
Opernensemble
londe Haare, breite Schultern, straffer Bi-
zeps. Und dazu das Gardemaß von knapp
zwei Metern. Ein Kerl von einem Mann.
Mit seiner Lederjacke und den markanten
Gesichtszügen könnte er gut als Body-
guard oder als Rocker durchgehen.
Aber, keine Sorge, der tut nichts! Der will nur spielen.
Und singen. Florian Spiess gehört seit dieser Saison zum
Ensemble der Staatsoper. Sein kerniges Basstimbre ver-
rät das Stimmfach, sein charmanter österreichischer
Slang (»Dialekt is kei Problem, oder?«) die Herkunft:
Der Hochlandtiroler stammt aus der Nähe von Inns-
bruck.
Dort begann auch seine musikalische Laufbahn.
»Mit fünf hat mich meine Mutter gefragt, ob ich zu den
Wiltener Sängerknaben gehen möchte, das ist der Kna-
benchor bei uns in der Region«, erzählt der sympathi-
sche Modellathlet, während er am Cappuccino nippt.
»Zwei Jahre später sind wir mit dem Zug nachWien ge-
fahren, wo ich bei denWiener Sängerknaben vorgesun-
gen habe. Dort war ich auch ziemlich bald Sopranso-
list.«
DerWeg auf die Opernbühne schien also vorgezeich-
net. Aber dann nahm Florian Spiess eine Abzweigung in
eine ganz andere Richtung. »Mit 13 hatte ich keine Lust
mehr und bin wieder zurückgegangen nach Tirol. Dort
habe ich angefangen, mit Freunden aus der Schulzeit in
einer Metal-Band zu singen.«
Dieses Projekt war eher mittelmäßig erfolgreich, wie
Spiess schmunzelnd einräumt. Dafür startete er imLeis-
tungssport ordentlich durch. »Ein Bekannter meiner El-
tern war ein ehemaliger Weltmeister im Skeleton (für
norddeutsche Wintersportmuffel wie mich: das ist ein
Mittelding aus Rodeln und Bob fahren) und nahmmich
mit auf den Eiskanal zu einemHobby-Cup. Das hat mir
so viel Spaß gemacht, dass ich mit einem Grinsen von
einem Ohr zum anderen unten angekommen bin.«
Während der Schulzeit trainierte der junge Mann so
fleißig, dass es bald fürs österreichische Europacupteam
reichte. Außerdem jobbte er nebenbei als Surflehrer in
Griechenland, wenn er nicht Beachvolleyballturniere ge-
wann. Und damit nicht genug: BeimBundesheer begann
er eine Ausbildung zum Militärpiloten und fing an-
schließend noch aus Verlegenheit an, BWL zu studieren.
Ein ziemlich bunter Lebenslauf, mit vielen unerwar-
teten Kurven. Eine davon führte Florian Spiess schließ-
lich zurück in die Sängerspur. »Ich traf zufällig ein paar
ehemalige Sängerknabenkollegen, die bei meinem ers-
ten Gesangslehrer, Karlheinz Hanser, studierten. Er war
früher unser Stimmbildner und unterrichtete nun am
Konservatorium in Innsbruck. Also hab ich mal vorbei
geschaut und ihm nur so aus Spaß vorgesungen.«
Anschließend begann er mit 21 Jahren sein nebenbe-
rufliches Gesangsstudium, das ihn nach kurzer Zeit an
einen entscheidendenWendepunkt führte. »Nach einer
Studioproduktion mit Mozarts ›Don Giovanni‹, in der
ich den Leporello gesungen habe, meinte mein Lehrer,
ich könne das auch hauptberuflich machen. Ich hatte
keine Ahnung, was es bedeutet, Opernsänger zu sein
und mochte die Musik damals noch nicht mal beson-
ders! Aber meine Arien machten mir Spaß. Als ich mei-
nen Eltern eröffnete, dass ich das BWL-Studium abbre-
chen wolle, hat meinen Vater halb der Schlag getroffen.
Aber nachdem sie mich zum ersten Mal auf der Bühne
gesehen haben, waren sie Feuer und Flamme.«
Drei Jahre später folgte Florian Spiess seinem Lehrer
bei dessen Wechsel nach Wien und vollendete dort sein
Studiummit dem besten Examen der gesamten Univer-
sität. »Das musste ich mir ziemlich hart erarbeiten, weil
mir die Dinge nicht so leicht zufallen. Für mich sind die
Körperkontrolle und die Technik sehr wichtig.«
Nach ersten Engagements in Linz und an derWiener
Volksoper ging er 2012 nach Rostock. »Eine sehr schöne
Zeit, in der ich viele große Partien singen konnte, wie
den Zaccaria inVerdis ›Nabucco‹,Mozarts Sarastro oder
den Bartolo im ›Barbier‹. Das Spannende an der Oper
ist ja, dass man nicht nach Typ, sondern eben nach
Stimmfach besetzt wird. Das gibt einem die Möglich-
keit, auch in solche Rollen zu schlüpfen, die einem viel-
leicht nicht so nahe sind.«
Aus Rostock gings schon nach einem Jahr weiter
nach Hamburg. Florian Spiess fühlt sich sichtlich wohl
im Norden. »Ich bin gerne amWasser und genieße den
Weitblick«, sagt der bodenständige Bass, mit dem das
Ensemble der Staatsoper einen echten Typen dazu ge-
wonnen hat.
B
1...,22,23,24,25,26,27,28,29,30,31 33,34,35,36,37,38,39,40,41,42,...89
Powered by FlippingBook